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Expertentipps: So erkennst du die Qualität von Möbeln

 
Möbel sind mit einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von acht Jahren für die meisten von uns eine langfristige Anschaffung. Häufig ist es jedoch nicht so einfach, Möbelstücken ihre Qualität von außen anzusehen. Auch Fragen nach der Stabilität oder Langlebigkeit werden oft nur unzureichend oder gar nicht beantwortet. Damit du weißt, ob deine Möbel ihren Preis wert sind, geben wir dir hier objektive Tipps dazu, woran du die Möbelqualität erkennen kannst.

Dazu steht uns Schreinermeister und Handwerksdesigner Bernhard Ross Rede und Antwort. Er ist seit vielen Jahren im Möbelschreinerhandwerk tätig und kann uns genau erklären, wie wir beim Kauf die Qualität von Schränken, Regalen und Co. beurteilen können.

 
Ich würde mich gern mit dir darüber unterhalten, wie man Möbelqualität erkennen kann. Wie kann man also als Laie herausfinden, ob man wirklich Möbel mit guter Qualität vor sich hat oder ob es nur danach aussieht? Kannst du uns einen Überblick geben, auf was zu achten ist?

Bernhard: Zunächst einmal gibt es Qualitätsmerkmale, die der Verbraucher direkt am Möbel erkennen kann, und solche, zu denen er Hintergrundinformationen braucht. Als Erstes sollte man sich aber immer fragen, ob das Möbel, so wie es konstruiert ist, überhaupt funktionieren kann.

Wie meinst du das? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Möbel verkauft werden, die nicht funktionieren. Einen Esstisch mit unterschiedlich hohen Tischbeinen kauft doch niemand.

Bernhard: Nein, natürlich nicht. Viele Konstruktionsfehler sind allerdings von außen für den Laien gar nicht sichtbar, beeinträchtigen aber trotzdem die Qualität der Möbelstücke. Nehmen wir zum Beispiel einmal Einlegeböden für einen Schrank oder ein Regal. Diese müssen eine gewisse Dicke im Vergleich zur Größe haben, damit sie überhaupt ein vernünftiges Gewicht tragen können. Bei 16 mm dicken Einlegeböden zum Beispiel sollte eine Länge von 80 cm nicht überschritten werden, und bei 19 mm starken Einlegeböden ist eine Länge von 100 cm das Maximum. Diese Größenverhältnisse sind wichtige Merkmale, an denen man die Qualität von Möbeln erkennen kann.

Das ist wirklich ein guter Tipp. Hast du da noch mehr Beispiele?

Bernhard: Bei Schränken oder Kommoden mit Schubladen sollten die Schubladen sicherheitshalber nicht länger als 100 cm sein. Je breiter eine Schublade ist, desto größer ist auch die Belastung des Schubladenbodens. Dieser wird zwar nicht nur an den seitlichen Enden gestützt, sondern auch vorne und hinten, allerdings ist er meist sehr dünn. Eine gute Schublade sollte allerdings eine Traglast von 30 kg aushalten.

Dieses Traglast-Prinzip kann man auch auf Schranktüren anwenden: Sind die Schranktüren breiter als 60 cm, sollten sie mit mindestens fünf Scharnieren am Schrank befestigt sein. Besonders bei MDF-Platten sollte man das im Auge behalten, weil diese in der Regel schwerer sind als Spanplatten. Schranktüren, die nicht ausreichend befestigt sind, hängen nach kurzer Zeit schief am Schrank. Das kann man oft auch durch erneutes Ausrichten nicht korrigieren.

 

Würdest du hier wirklich sagen, dass die Qualität der Möbel mangelhaft ist? Oder werden sie in den beschriebenen Fällen einfach nur falsch genutzt?

Bernhard: Die Frage nach der Nutzung kann in jedem Fall auch mit hineinspielen. Die Qualität eines Möbelstücks kann super sein, was die Verarbeitung, das Material oder auch den Schadstoffausstoß betrifft, und dennoch kann es ungeeignet sein. Wird beispielsweise ein Regal als Bücherregal beworben, so halte ich es trotz bester Verarbeitung für einen Qualitätsmangel, wenn die gebrauchsüblichen, statischen Aspekte, die ein Bücherregal erfüllen muss, nicht genug bedacht werden.

Gibt es Möglichkeiten, auch ohne professionelles Fachwissen die Stabilität eines Möbelstücks zu beurteilen?

Bernhard: Ja. Man kann zum Beispiel testen, ob das Möbelstück winkelsteif ist. Ich nenne das den „Rütteltest“. Man stellt sich an ein Ende des Möbels und rüttelt an einer Seite. Ein Tisch, der stark hin und her wackelt, hat eine geringe Winkelsteifigkeit und steht damit nicht besonders stabil. Gleiches kann man bei Schränken machen. Gibt der Schrank stark nach, ohne sich vom Boden abzuheben, hat man es mit einer minderwertigen Konstruktion zu tun. Mit diesem einfachen Test erfährt man also schon viel über die Möbelqualität.

Hier ist eine Rückwand zu sehen

Wie sieht es mit den Schubladen aus? Hier gibt es ja verschiedene Mechanismen: Es gibt Schubkästen mit Selbsteinzug, manche lassen sich nur zu drei Vierteln der Länge herausziehen, andere haben einen Vollauszug. Kann man zum Beispiel generell davon ausgehen, dass ein Selbsteinzug immer besser ist?

Bernhard: Ein Selbsteinzug ist eine aufwändigere Konstruktion als eine normale Schubladenführung. Das muss aber nicht heißen, dass ein Selbsteinzug qualitativ besser ist. Eine Schublade muss sich laufruhig öffnen lassen – der Selbsteinzug führt nur dazu, dass sich die Schublade das letzte Stück von allein zuzieht. Eine laufruhige Schublade ist damit aber noch nicht gewährleistet.

Ein guter Qualitätstest ist, wenn man die Schublade nicht am Griff, sondern an einer Seite herauszieht. Zieht man die Schublade beispielsweise an der rechten Seite heraus und die Schublade kommt links genauso mit – ohne zu verkanten – so deutet das auf eine gute Möbelqualität hin.

Schubladenführung

Kommen wir doch mal zu den Punkten, die ein Kunde im Möbelhaus nicht so einfach beurteilen kann, sondern vorher in Erfahrung bringen muss. Welche Informationen gehören deiner Meinung nach dazu?

Bernhard: Fast alle Möbelstücke emittieren Schadstoffe. Menschen, die auf bestimmte Schadstoffe sensibel reagieren, sollten sich deshalb vorher informieren, wie es mit dem Schadstoffausstoß der gewünschten Möbel aussieht. Hochwertige Möbel sind nicht nur schadstoffärmer, sondern werden vom Hersteller auch mit den entsprechenden Informationen zum Schadstoffausstoß ausgezeichnet.

Warum sollte man sich darüber vorher erkundigen? Könnte man nicht einfach im Möbelhaus nachfragen?

Bernhard: Das ist leider nicht immer besonders erfolgsversprechend. Oft weiß der Verkäufer nicht, wie hoch der Schadstoffausstoß der Möbel ist, die er verkaufen möchte. Daher müssen Kunden vorab in Erfahrung bringen, woher das Material für die Möbel kommt, und sich gegebenenfalls auch direkt beim Hersteller informieren. Das ist nicht immer so kompliziert, wie es sich anhört. Oft weist die Lieferkette nur zwei bis drei Stationen auf. Bei größeren Möbelhäusern kann das aber sehr schwierig sein.

Von welchen Schadstoffen sprichst du hier konkret und wie kommen die in die Möbel hinein?

Bernhard: Ich meine hauptsächlich den Formaldehydausstoß. Formaldehyd ist Bestandteil des Klebstoffes, der die Holzspäne in den Spanplatten zusammenhält. Spanplatten mit einem höheren Formaldehydanteil sind billiger, weil sich durch Formaldehyd die Presszeiten verringern. Je geringer die Presszeit, desto mehr Platten können in kürzerer Zeit hergestellt werden. Gerade bei besonders günstigen Möbeln besteht daher häufig die Gefahr, dass die Grenzwerte überschritten werden. Es ist also wichtig, besonders bei Möbeln aus Holz die Schadstoffwerte im Blick zu behalten.

Trifft das nur auf Spanplattenmöbel zu?

Bernhard: Nein, Formaldehyd kommt auch in MDF-Platten vor. Massivholzmöbel sind in der Regel frei von Formaldehyd, sofern sie nicht furniert sind. Insofern wirkt sich bei Holzmöbeln die Qualität oft zumindest teilweise auch auf den Preis aus. Jedoch kann es bei Massivholzmöbeln trotzdem zu Schadstoffausstößen anderer Art kommen, zum Beispiel durch Lackausdünstungen oder minderwertige Leime.

Gibt es weitere Gefahrenquellen für die Gesundheit, die von minderwertigen Möbeln ausgehen?

Bernhard: Von Gefahrenquellen würde ich jetzt nicht unbedingt sprechen, sondern eher von nachteiligen Auswirkungen. In diesem Sinne können sich Griffe an Türen und Schubladen als nachteilig auf das Wohlbefinden erweisen. Manche Griffe sind aus Nickel oder nickelhaltig. Wenn man allergisch auf Nickel reagiert, bleibt einem nichts anderes übrig, als die Griffe auszutauschen. Aber auch wenn man selbst nicht allergisch ist, können Besucher allergisch reagieren. Man tut also gut daran, auf nickelhaltige Griffe zu verzichten. Solche Details lassen sich nicht unbedingt mit der allgemeinen Möbelqualität in Verbindung bringen – man muss sich informieren.

Kannst du vielleicht auch kurz etwas zu den unterschiedlichen Qualitätsstufen der verwendeten Platten sagen? Woran erkenne ich bei Holzmöbeln die Qualität? Was macht ein massives Holzbrett aus? Wann ist eine MDF- oder Spanplatte besonders hochwertig?

Bernhard: Hierzu könnte ich viel sagen. Ich glaube, das würde aber den Rahmen sprengen.

MDF-Platte

Letztendlich muss die Qualität der Möbelstücke so sein, dass die Oberflächen alltägliche Belastungen ohne Blessuren bewältigen. Das ist ganz einfach zu testen. Man kratzt mit einem Schlüssel leicht über die Oberfläche. Hier sollten nach anschließendem Wischen keine Kratzer sichtbar sein. Im Fachjargon nennt man das dann „ringfest“.
Das ist ein Anspruch, den man ohne weiteres an hochpreisige Möbel in guter Qualität stellen kann. Allerdings würde ich vorschlagen, dass man sich für diesen Test ein Musterstück der Platte geben lässt, sonst muss man am Ende noch den Schrank kaufen, den man gerade als Mogelpackung enttarnt hat.

Bei Möbeln aus Spanholz- oder MDF-Platten ist die Art der Kantenverarbeitung ein weiterer Faktor, an dem man die Qualität der Möbel erkennt.

ABS-Umleimung

Wenn man sich etwas auskennt, kann man das direkt sehen: Eine gute Kanten-Umleimung ist klar als solche zu erkennen. Bei schlechten Umleimungen dagegen sieht es so aus, als könnte man an den Kanten gleich in das Innere der Platte sehen.

Etwas, das mich noch sehr interessiert: Verschiedene Teile am Möbel werden als „Beschlag“ bezeichnet. Was bedeutet das? Und wie kann ich daran die Möbelqualität erkennen?

Bernhard: Unter „Beschlägen“ versteht man alle Teile, die früher einmal an die Möbel angeschlagen wurden. Heute werden die Beschläge angeschraubt, eingepresst oder eingeklippst. Dazu zählen Griffe, Scharniere, Schubladenführungen und Standfüße.

Viele Möbel verfügen gar nicht über Standfüße. Sind diese überhaupt wichtig und gibt es hier erkennbare Unterschiede bei der Qualität der Möbel?

Standfüsse von Möbeln

Bernhard: Das hängt ganz von der Art des Möbelstücks ab. Bei einem Tisch oder bei einer Kommode sind Standfüße nicht entscheidend für die Nutzung oder Qualität der Möbel. Längere Sideboards und Schränke sollten aber auf jeden Fall mit verstellbaren Standfüßen versehen sein, denn die wenigsten Fußböden sind vollständig eben. Bei einem Schrank, der nicht in der Waage steht, lassen sich die Schranktüren nur schwer oder gar nicht ausrichten.

Deshalb ist es wichtig, dass verstellbare Standfüße bei einem Möbelstück in ausreichender Anzahl vorhanden sind. Das beeinflusst definitiv die Qualität des Möbels: Je breiter so ein Standfuß ist, desto mehr Stabilität kann dieser an den Schrank weitergeben.

Vielen Dank für die hilfreichen und nützlichen Tipps, mit denen auch Laien die Möbelqualität erkennen können. Wer jetzt die Qualität seiner Möbel zuhause prüfen möchte, kann hier die wichtigsten Qualitätsmerkmale in Form einer Checkliste herunterladen oder ausdrucken.


Bilder: Quelle – deinSchrank.de

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