Woran erkennt man die Qualität von Möbeln?

Möbelqualität beurteilenMöbel sind mit einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von 8 Jahren für die meisten von uns eine langfristige Anschaffung. Die Beurteilung der Möbelqualität reduziert sich jedoch häufig auf das äußere Erscheinungsbild. Fragen nach der Stabilität oder Langlebigkeit werden oft nur unzureichend oder gar nicht beantwortet. Da es im Internet kaum Informationen zu der objektiven Beschreibung von Qualitätsmerkmalen bei Möbeln gibt, möchten wir euch ein paar Tipps und Tricks verraten, mit denen man beurteilen kann, ob das Möbel seinen Preis wert ist. Dazu steht uns Schreinermeister und Handwerksdesigner Bernhard Ross Rede und Antwort. Er ist seit 7 Jahren im Möbelschreinerhandwerk tätig und kann uns genau erklären, worauf wir beim Kauf achten sollten.

Johanna:  Hallo Bernhard! Ich würde mich gerne mit dir ein wenig über Qualitätsmerkmale von Möbeln unterhalten. Als Laie hat man ja meist keine Erfahrung damit und weiß nicht worauf man achten sollte. Wie kann der Verbraucher feststellen, ob er es mit einem qualitativ hochwertigen Möbel zu tun hat oder nicht? Kannst du uns einen Überblick verschaffen, auf was zu achten ist?

Bernhard:  Hallo Johanna. Zunächst einmal gibt es Qualitätsmerkmale, die der Verbraucher direkt am Möbel erkennen kann und solche, zu denen er Hintergrundinformationen braucht. Als erstes sollte man sich aber fragen, ob das Möbel, so wie es konstruiert ist, überhaupt funktionieren kann.

Johanna:  Wie meinst du das? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Möbel verkauft werden, die nicht funktionieren. Einen Esstisch mit unterschiedlich hohen Tischbeinen kauft doch niemand.

Möbel müssen statisch sinnvoll sein.
Bei 16 mm dicken Einlegeböden sollte eine Länge von 80 cm nicht überschritten werden und bei 19 mm starken Einlegeböden, ist eine Länge von 100 cm einzuhalten. Man muss sich also die Frage stellen, ob das Möbel, so wie es gebaut ist, überhaupt der Belastung standhalten kann, für die es gedacht ist.

Johanna:  Damit kann man was anfangen. Hast du da noch mehr Beispiele?

Bernhard:  Schubladen sollten sicherheitshalber nicht länger als 100 cm sein. Je breiter eine Schublade ist, desto höher ist die Belastung des Schubladenbodens. Das ist das gleiche Prinzip wie bei den Einlegeböden. Der Schubladenboden wird zwar nicht nur an den seitlichen Enden gestützt, sondern auch vorne und hinten, allerdings ist dieser meistens sehr dünn. Eine gute Schublade sollte eine Traglast von 30 kg aushalten. Überschreitet man eine Breite 100 cm, kann das die Traglast stark einschränken. Dieses Traglast-Prinzip kann man auch auf die Schranktüren anwenden. Sind die Schranktüren breiter als 60 cm, sollten sie mit mindestens 5 Scharnieren am Schrank befestigt sein. Besonders bei MDF-Platten sollte man dies im Auge behalten, weil diese in der Regel schwerer sind als Spanplatten. Schranktüren, die nicht ausreichend befestigt sind, hängen nach kurzer Zeit schief am Schrank. Das kann man oft auch durch erneutes Ausrichten nicht korrigieren.

Johanna:  Das klingt für mich sehr nach Fragen der richtigen Nutzung oder würdest du hier von einem Qualitätsmangel sprechen?

Bernhard:  Ein Möbel kann super verarbeitet sein, über sehr teure Materialien verfügen und einen geringen Schadstoffausstoß verursachen, aber dennoch ungeeignet sein. Wird ein Regal als Bücherregal beworben, so halte ich es für einen Qualitätsmangel, wenn gebrauchsübliche, statische Aspekte nicht genug bedacht werden.

Johanna:  Ob ein Möbel statisch einwandfrei ist, kann man als Laie ohne einen Zollstock nicht immer direkt beurteilen. Zumindest stelle ich mir das schwierig vor. Gibt es Möglichkeiten die Stabilität eines Möbels zu beurteilen, die kein geübtes Auge voraussetzen?

Bernhard:  Man kann testen, ob das Möbel winkelsteif ist. Ich nenne das den Rütteltest. Man stellt sich an ein Ende des Möbels und rüttelt an einer Seite. Ein Tisch, der stark hin und her wackelt, hat eine geringe Winkelsteifigkeit und steht damit nicht besonders stabil da. Gleiches kann man bei Schränken machen. Gibt der Schrank stark nach, ohne sich vom Boden abzuheben, hat man es mit einer minderwertigen Konstruktion zu tun.

Johanna:  Das liegt wahrscheinlich an minderwertigen Beschlägen und Verbindungen…?

Hier ist eine Rückwand zu sehen
Johanna:  Wie sieht es mit den Schubladen aus. Hier gibt es ja verschiedene Mechanismen. Es gibt Schubkästen mit Selbsteinzug, manche lassen sich nur zu ¾ herausziehen, andere haben einen Vollauszug. Kann man davon ausgehen, dass ein Selbsteinzug besser ist als eine normale Schublade?

Bernhard:  Ein Selbsteinzug ist eine aufwändigere Konstruktion als eine normale Schubladenführung. Das muss aber nicht heißen, dass ein Selbsteinzug qualitativ besser ist. Eine Schublade muss sich laufruhig öffnen lassen, der Selbsteinzug sorgt nur dafür, dass sich die Schublade das letzte Stück von alleine zuzieht. Eine laufruhige Schublade ist damit noch nicht gewährleistet. Ein guter Test ist, wenn man die Schublade nicht am Griff, sondern an einer Seite herauszieht. Zieht man die Schublade bspw. an der rechten Seite heraus und die Schublade kommt links genauso mit, ohne zu verkanten, so hat man einen Topbeschlag.

Schubladenführung
Johanna:  Das ist ein wirklich einfacher Test. Kommen wir doch mal zu den Punkten, die ein Käufer im Möbelhaus nicht so einfach beurteilen kann, sondern vorher wissen muss. Wie genau ist das gemeint?

Bernhard:  Fast alle Möbel bewirken Schadstoffemissionen. Menschen, die auf bestimmte Schadstoffe sensibel reagieren, sollten sich vorher informieren, wie es mit dem Schadstoffausstoß der Möbel aussieht.

Johanna:  Warum vorher? Könnte man nicht einfach im Möbelhaus nachfragen?

Bernhard:  Das ist leider nicht besonders erfolgsversprechend. Oft weiß der Verkäufer nicht, wie hoch der Schadstoffausstoß der Möbel ist, die er verkaufen möchte. Dann muss man in Erfahrung bringen, woher das Material für die Möbel kommt und sich dann beim Hersteller informieren. Das ist nicht immer so kompliziert, wie es sich anhört. Oft weist die Lieferkette nur 2-3 Stationen auf. Bei größeren Möbelhäusern kann das aber sehr schwierig sein.

Johanna:  Von welchen Schadstoffen sprechen wir hier und wie kommen die in die Möbel rein?

Kanister mit Formaldehyd
Johanna:  Trifft das dann nur auf Spanplattenmöbel zu?

Bernhard:  Nein, Formaldehyd kommt auch in MDF-Platten vor. Massivholzmöbel sind in der Regel frei von Formaldehyd, sofern sie nicht furniert sind. Jedoch kann es bei Massivholzmöbeln zu  Schadstoffausstößen anderer Art kommen, z.B. durch Lackausdünstungen oder minderwertige Leime.

Johanna:  Gibt es weitere Gefahrenquellen an Möbeln für die Gesundheit?

Bernhard:  Von Gefahrenquellen würde ich jetzt nicht unbedingt sprechen, sondern eher von nachteiligen Auswirkungen. In diesem Sinne können sich Griffe an Türen und Schubladen als nachteilig auf das Wohlbefinden erweisen. Manche Griffe sind aus Nickel oder nickelhaltig. Wenn man allergisch auf Nickel reagiert, bleibt einem nichts anderes übrig, als die Griffe auszutauschen. Aber auch wenn man selbst nicht allergisch ist, können Besucher allergisch reagieren. Man tut also gut daran, auf nickelhaltige Griffe zu verzichten.

Johanna:  Kannst du vielleicht auch kurz etwas zu den unterschiedlichen Qualitätsstufen der verwendeten Platten sagen? Was macht ein massives Holzbrett besonders gut? Wann ist eine MDF- oder Spanplatte* besonders hochwertig?

Bernhard:  Hierzu kann man viel sagen. Ich glaube das würde den Rahmen sprengen. MDF-PlatteLetztendlich müssen die Oberflächen alltägliche Belastungen ohne Blessuren bewältigen. Das ist ganz einfach zu testen. Man kratzt mit einem Schlüssel leicht über die Oberfläche. Hier sollten nach anschließendem darüber wischen keine Kratzer sichtbar sein. Im Fachjargon nennt man das dann „Ringfest“. Das ist ein Anspruch, den man ohne weiteres an hochpreisige Möbel stellen kann. Allerdings würde ich vorschlagen, dass man sich zu diesem Test ein Musterstück der Platte geben lässt, sonst muss man auch noch den Schrank kaufen, den man gerade als Mogelpackung enttarnt hat (lacht).

Bei Möbeln aus Spanholz- oder MDF-Platten ist die Art der Kantenverarbeitung ein weiter ABS-UmleimungQualitätsfaktor. Wenn man sich etwas auskennt, kann man das direkt sehen. Eine gute Kanten-Umleimung ist klar als solche zu erkennen. Schlechte Umleimungen dagegen, kann man kaum sehen. Dann sieht es so aus, als könnte man an den Kanten gleich in das Innere der Platte sehen. Grundsätzlich gibt es hier ABS-Umleimungen und Bügelkanten. ABS-Umleimungen sind 1-3 mm stark, während Bügelkanten so um die 0,6 mm stark sind. Bügelkanten sind dementsprechend billiger und bieten weniger Schutz vor Stößen und Feuchtigkeit.

Johanna:  Eine Frage, die mich noch sehr interessiert ist, was hat es mit den Beschlägen auf sich hat? Verschiedene Teile am Möbel werden als Beschlag bezeichnet. Was versteht man bei Möbeln überhaupt unter Beschlägen? Wann haben diese eine hohe Qualität?

Bernhard:  Unter Beschlägen versteht man alle Teile, die früher einmal an die Möbel angeschlagen wurden. Heute werden die Beschläge angeschraubt, eingepresst oder eingeklippst. Dazu zählen Griffe, Scharniere,  Schubladenführungen und Standfüße.

Johanna:  Viele Möbel verfügen gar nicht über Standfüße. Sind die wichtig und gibt es hier erkennbare Qualitätsmerkmale?

Standfüsse von MöbelnBernhard:   Das hängt ganz von der Art des Möbels ab. Bei einem Tisch oder bei einer Kommode sind Füße nicht entscheidend für die Qualität oder die Nutzbarkeit. Längere Sideboards und Schränke sollten aber auf jeden Fall mit verstellbaren Standfüßen versehen sein. Die wenigsten Fußböden sind 100%ig gerade. Bei einem Schrank, der nicht in der Waage steht, lassen sich die Schranktüren nur schwer oder gar nicht ausrichten. Deshalb ist es wichtig, dass die verstellbaren Standfüße in ausreichender Anzahl vorhanden sind. Je breiter so ein Standfuß ist, desto mehr Stabilität kann dieser an den Schrank weitergeben.

Johanna:  Vielen Dank Bernhard für das Interview! Das waren wirklich hilfreiche und nützliche Tipps. Es würde mich freuen, wenn ich dich zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal zu einem weiteren Thema befragen dürfte.

Bernhard:   Ich fand es auch spannend. Es wird viel Murks für teures Geld verkauft. Es freut mich, wenn ich den Lesern und vielleicht auch meinem Berufsstand weiterhelfen konnte.  Gerne wieder!

Wer sich die wichtigsten Qualitätsmerkmale in Form einer Checkliste herunterladen oder ausdrucken will, findet hier eine Druckfertige Version.

Fotos von Kurt Flügel, Taffi und Pico auf fotolia.de

13 Kommentare

  1. Wer großen Wert auf sehr gute Qualität bei Wohnzimmermöbeln legt, liegt bei Massivholzmöbeln nie verkehrt! Da gibt es unterschiedliche Arten – ob im Landhaus- oder Kolonialstil aus Palisander, Teakholz, Pinie, Akazie oder Eiche – die Holzmöbel machen sich immer gut!

  2. Das kann ich so leider nicht bestätigen. Auch bei Massivholzmöbeln gibt es große Unterschiede in der Qualität. Je nach dem wo das Holz herkommt, erhält man eine andere Qualität. Dies hat mit der Bodenbeschaffenheit und dem Klima zu tun. Günstiges Holz kann weicher und anfälliger sein, als eine günstige Spanplatte. Ich glaube so pauschal kann man das nicht sagen.

  3. @Johanna: Aber Massivholzmöbel haben einzig und allein den Unterschied, dass evtl. die Holzvariante nicht ganz genau so hochwertig ist wie die andere. Also Apfel und Eiche zum Beispiel. Der Preis spielt immer auch leider noch ein Rolle. Viele können sich Massivholzmöbel gar nicht leisten, selbst wenn Sie es möchten.

  4. Auch von mir ein Lob für den Artikel. Anhand von den Bildern sieht man sehr gut welche qualitative Unterschiede es gibt. Massivholzmöbel sind meist hochwertig, allerdings gibt es auch hier schwarze Schafe. Für viele spielt auch der finanzielle Faktor eine große Rolle und wer nicht gerade ein Kredit für seine Wohnzimmereinrichtung aufnehmen möchte, setzt halt auf günstigeres Holz.

  5. Schöner Artikel, fachlich gut beschrieben, mein Lob. Viele Möbelkunden achten mehr auf die Optik, als auf die Verarbeitung. Dann stehen Sie vor der großen Enttäuschung und die Reklamation bzw. der Ärger ist vorprogrammiert. Damit das nicht passiert gibt es weitere gute Ratschläge auf moebelschlau.de

  6. Vielen Dank für die tollen Tipps, besonders wenn es um Schuhschränke geht, ist mir Qualität sehr wichtig. Aber auch bei Kommoden und Schränken mit Schubladen sollte man drauf achten. Ich per-sönlich mag es auch nicht, wenn Schuhmöbel wie Schuhschränke sehr scharfe Kanten haben. Da sie im Flur stehen bei mir, neige ich dazu, mir dann den kleinen Zeh daran zu stossen …

  7. Danke für den Beitrag. Heutzutage mit den vielen günstigen Möbelhäusern ist es wirklich wichtig die Thematik der Qualität in der Vordergrund zu stellen. Privat haben wir auch Schlechte Erfahrungen gemacht und setzen wieder das Augenmerk auf Qualität und geben auch gerne etwas mehr aus.

  8. Auch ich möchte mich für den informativen Artikel bedanken. Besonders die Bilder konnten das geschriebene sehr schön visualisieren um den Inhalt besser nachvollziehen zu können. Wobei der Text an sich ja schon leicht verständlich geschrieben wurde. Wie auch immer, besten Dank für den tollen Artikel 🙂

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